Kreisliga-Vorschau 2025/26
Weit und breit kein Marco Günther
In der Fußball-Kreisliga betreiben die Aufstiegsanwärter ein seltsames Spiel: Wer den Finger streckt, hat schon verloren
Von Wolfgang Brück
Heidelberg. Früher war alles besser. Vor einem Jahr erklärte Marco Günther klipp und klar: "Wir wollen Meister werden und in die Landesliga aufsteigen." Ein Mann, ein Wort. Der FC Dossenheim beherrschte die Kreisliga und ist jetzt Landesligist.
Am Sonntag beginnt die neue Saison in der höchsten Klasse des Fußballkreises Heidelberg. Doch bei der Umfrage der Rhein-Neckar-Zeitung blieben alle Finger unten. Ein Marco Günther ist weit und breit nicht in Sicht.
Nicht in Leimen, nicht in Dielheim, Horrenberg oder Kirchheim. Und schon gar nicht beim VfB Rauenberg. Dort ist mit dem Regionalliga-Rekordspieler Nico Hillenbrand ein namhafter Trainer tätig und hat der Sportvorsitzende Christian Erhart richtig was auf die Beine gestellt, doch nach dem mühseligen Pokal-Achtelfinalsieg beim VfR Walldorf überraschte der Schöpfer von Maskottchen "Mannbär" mit einem Fallrückzieher: "Wir müssen unser Saisonziel ändern. Für einen Platz ganz oben wird es nicht reichen, dafür ist unser Kader zu klein."
Also kein Spitzenspiel am Sonntag in Leimen? Während Erhart als Argument fürs "Überbrückungsjahr" den am Kreuzband verletzten Tim Gauch nennt, hat Manuel Wengert grundsätzliche Erwägungen. "Keine Frage, wir würden gerne aufsteigen, aber das wollen andere auch. Unser Ziel ist deshalb ein Platz unter den ersten Fünf", stellt der Trainer des VfB Leimen fest.
Die Kreisliga sei nicht die Landesliga, sagt der ehrgeizige Coach. In der Kreisliga müsse man ein Auge zudrücken, wenn Spieler zu Unzeiten in Urlaub fahren oder Omas Geburtstag wichtiger als eine Trainingseinheit ist. Wengert: "Eine Klasse höher geht es professioneller zu. Diese Erfahrung habe ich bei der SG Kirchheim gemacht."
Falls die Leimener mit einer weitgehend unveränderten Mannschaft an die starke Rückrunde mit nur einer Niederlage anknüpfen können, dann ist der mehrfache Vizemeister auf jeden Fall ein Titelaspirant. Auch wenn der Sportliche Leiter Martin Rau den Fokus auf Horrenberg und Dielheim lenkt.
Das Spiel zwischen Leimen und Rauenberg am Sonntag wird Hinweise geben, wer Meister im Understatement ist.
Die Statistik spricht für die SG Horrenberg. Keiner stieg so oft auf wie der letztjährige Landesliga-Absteiger. Mit der Tormaschine Dennis Gebhardt, der seine Karriere beendete, und Christian Schneider, der als spielender Co-Trainer nach Mühlhausen wechselte, gibt es namhafte Abgänge.
Dafür kam aus Eppelheim mit Patrick Greulich einer der zuverlässigsten Torjäger der Region. Er wird als spielender Co-Trainer dem neuen Chef Michael Glaser (für Mike Keitel) zur Seite stehen. Christian Heid, der zusammen mit Dennis Schindler den Spielausschuss bildet, gibt nicht viel auf die Aussagen der Konkurrenz: "Da wird viel geschwätzt." Aus der Deckung will auch Heid nicht gehen. Er sagt: "Wir wollen unter die ersten Fünf." Beim Punktspiel-Auftakt gegen Baiertal wäre alles andere als ein Sieg eine Überraschung.
"Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, läuft Gefahr rauszufallen", mahnt der Horrenberger. Kollege Thomas Krönig sieht es ähnlich. Auch bei der SG Dielheim, die nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz Vize-Meisterschaft und Relegation verpasste, scheut man die Favoritenrolle wie der Teufel das Weihwasser. Til Hartmann ging in die Landesliga nach Eppelheim.
Aber im Pokal lief es trotz zahlreicher Ausfälle sehr gut. Das 2:0 im Achtelfinale gegen Leimen darf als Gradmesser gewertet werden. Thomas Krönig ist von seiner Arbeit überzeugt. Er meint: "Unser Kader ist groß und ausgeglichen besetzt."
Über jeden Verdacht erhaben ist Thorsten Maas. Deshalb kann der sympathische Stellvertretende Abteilungsleiter der SG Kirchheim zugeben, dass das Pokal-Aus gegen Rauenberg II bereits in der ersten Runde sein Fehler war.
Ein nicht spielberechtigter Akteur kam zum Einsatz. Marcel Wolf und Marcel Knobel kehrten vom FV Nußloch zurück. Doch viel hat sich nicht geändert beim letztjährigen Vize. Die Frage ist: Lässt sich die Überraschung wiederholen? Es wird schwierig. Maas reiht die SGK hinter Leimen, Dielheim und Horrenberg ein. Ein Himmelreich für einen Marco Günther!
RNZ vom 14.08.2025, Seite 23